Entscheidungen sind dafür da, getroffen zu werden.
Und deshalb habe ich jetzt meine Wohnung gekündigt. Kurzerhand. Ohne neuen Mietvertrag woanders.
In wenigen Wochen ist hier Feierabend.
Schluß mit dem schwülen Wetter, das mich in Düsseldorf von April bis September in der Schmerzwahnsinn treibt. Keine Tropennächte mehr. Kein atemloses vor sich hin Hecheln hinter geschlossenen Vorhängen, während der treue Heinz (die mobile Klimaanlage eines lieben Freundes) mir die Ohren vollbrummt. Wochenlang. Keine Angst vor dem Ende eines Winters mehr. Und kein sinnlose Nochmehralssowiesoleiden für Nix und wieder Nix bis endlich wieder Herbst ist.
Das Sommer-in-Stockholm-Konzept an sich war super.
Stockholm wird immer das Zuhause meines Herzens bleiben. Ich sterbe jetzt schon vor Sehnsucht. Aber ich kann es mir nicht leisten, bis zu sechs Monate zwei Wohnungen zu bezahlen. Und die üblichen 2-3 reichen nicht mehr. Als ich aus dem letzten Stockholmer Sommer nach Düsseldorf zurück kam, waren hier immernoch 35 Grad. Die Flughafentüren öffneten sich und – braaaaammm – klatschte die Bratpfanne rheinländischer Miefjapsluft in mein Gesicht. Migräne nonstop. 20 Grad in Düsseldorf sind schlimmer als 40 in Ankara, sagen viele Taxifahrer.
Natürlich habe ich einen Plan. Ich habe immer einen Plan. Fragt sich nur, ob der sich so realisieren wird. Mein gesamter Haushalt wandert demnächst in ein Self Storage. Und mein Polo, ein wenig Gedöns und ich ziehen in eine Zwischenmiete. Monatelang aus zwei Koffern zu leben, bin ich gewöhnt. Und von der Übergangswohnung aus möchte ich in Ruhe grüne, ruhige Stadtteile oder Vororte von Hamburg kennenlernen.
H-A-M-B-U-R-G????!
Entsetzte Gesichter, wohin ich schaue
Wie willst Du denn da was finden?? Da suchen die Leute sich tot. Da ist es irre teuer. Wie kannst Du nur in DEINEM Zustand? Bist Du des Wahnsinns??? Das kann Jahre dauern!!!!!!!! Du hast doch gar keine Kraft, auf Termin fit zu sein? Wie willst Du denn in Deinem Zustand Wohnungen besichtigen??
Das höre ich allen, die nie live und in Farbe erlebt haben, was der Düsseldorfer Sommer aus mir macht. Garniert werden derartige Eruptionen mit einem Blick, der sich schlecht beschreiben läßt. Ich versuche es mal so: würde ich ankündigen, nackt und mit zugenähtem Mund in einem stillgelegten Bergwerkstollen leben zu wollen, sähen die Gesichter kaum anders aus.
Vielleicht bin ich tatsächlich des Wahnsinns. Vielleicht bekomme ich schon fünf Tage nach Beginn des Projekts einen kompletten Nervenzusammenbruch. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht wird das auch die beste Entscheidung überhaupt.
Ich falle ja nicht von der Welt
Wenn ich in Hamburg nicht einmal eine passende Zwischenmiete finde, dann bleibe ich vorerst woanders im Norden. Hautpsache frische Luft atmen dürfen. Wer weiß: vielleicht schreibe ich Euch irgendwann, daß ich jetzt auf Usedom lebe. Nur, wer losläßt, kann ankommen.
Natürlich wird das hart. Deshalb hat die Entscheidung ja Jahre gedauert. Ich verlasse meine Heimat mit vielen Tränen. Und nicht, weil ich Lust dazu habe. Mein Herz gehört dem Ruhrpott. Mit Düsseldorf war ich nahe dran. Die Leute hier sind ebenso beredsam. Ein wenig blümeranter vielleicht. Hömma, gleich krisse Mottorkätte am Schmecken, kommt einem Düsseldorfer nicht über die Lippen.
Mein Herz gehört meinen treuen Freunden. Meinen zauberhaften Nachbarn. Sogar meinen Ärzten. Meine Wohnung nicht zu vergessen. Meinem Bett. Meiner Einrichtung. Das alles ist mein Safe-Room, wo ich mich verkriechen kann, wenn die Schmerzen mal wieder tagelang nonstop toben.
Bald habe ich nichts mehr zum Verkriechen. Niemand wird mich kennen. Kein Nachbar wird für mich einkaufen. Niemand zur Apotheke laufen. Niemand neben mir auf dem Sofa sitzen und von der Welt da draußen erzählen, wenn gerade mal gar nichts geht.
Trotzdem habe ich das tiefe Gefühl, daß sich alles lösen wird. Det ordnar sig, sagen die Schweden. Das regelt sich. Zum ersten Mal geht mir der Spruch nicht auf den Keks. Vielleicht steckt doch schon mehr Schwedin in mir, als ich denke.
Vielleicht wird es irgendwann doch noch Stockholm werden. Trotz des entwicklungsbedürftigen Gesundheitssystems, in dem man sich besser nie mehr als Beinbruch und Geburten an den Hals hängt. Trotz der Wohnungsnot. Trotz der langen Dunkelheit. Trotz der vielen abweisenden Metropolenbewohner. In der Wohnungswarteschlange stehe ich zumindest schon. Ab 2027 könnte ich tatsächlich schon etwas in einem Trabantenvorort ergattern.
Das weiß ich alles nicht. Eines aber weiß ich: Es gibt 1000 Gründe alles beim Alten zu lassen. Aber es gibt nur einen, etwas zu ändern: Du hälst es einfach nicht mehr aus.