Meine Haare sehen so müde aus wie mein Gesicht.
Das muß nicht sein.
Ich beschließe, den Haarspezialistenladen zu konsultieren, an dem meine Straßenbahn immer vorbei fährt.
Das Geschäft ist so groß wie meine Vorratskammer und schafft es, drei Millionen Flaschen und Tiegel darin unterzubringen.
Das muß ich zuhause auch mal ausprobieren.
Vorsichtig quetsche ich mich mit meiner Handtasche zwischen zwei Auslagen hindurch.
Es reicht, durch Unkenntnis aufzufallen, da muß nicht noch eine Tiegelchenlawine hinter mir herunterregnen.
Von einem Aufsteller lacht mich Jennifer Aniston an, der magerfleischgewordene Haartraum.
Ob es reicht, sich zwei bis zehn Flaschen aus ihrer Haarpflegekollektion hinter die Binde zu gießen?
Ich befürchte, nein.
Ich befürchte, das einzige, das uns eint, sind die zig Liter Wasser, die wir täglich trinken.
Nur beginnt sie damit bereits um 5 Uhr, wenn sie ihr Workout startet.
Um 5 Uhr starte ich gar nichts.
Nicht mal mehr mit Endzwanzigern.
Langsam werde ich echt alt.
Aber zurück zu den Haaren.
Die junge Frau mit den zu innig nachgemalten Augenbrauen hört sich geduldig mein Anliegen an und greift zielstrebig in eines der 2000 Regalfächer.
DAS, sagt sie.
Und was kann DAS – außer teuer sein?
Das können Sie auf der Rückseite lesen.
Har, har..
Auf der Rückseite hüpfen schwarze Punkte auf Dunkelgrün.
Hätte ich meine Lesebrille dabei, könnte ich die Punkte eventuell als Buchstaben identifizieren.
Lesen könnte ich sie dann vermutlich immernoch nicht.
Das Augenbrauenfrollein zieht die Augenbrauen hoch und rattert geduldig herunter, was das Zeugs kann – außer teuer sein.
Es klingt vielversprechend.
22 in 1.
Ob die Marketing-Hanseln den Slogan mal genau durchdacht haben?
22 in 1 assoziiere ich spontan mit Gangbang.
Den Kommentar verkneife ich mir allerdings.
Zudem geht mir die Energie aus.
Also kaufe ich das Fläschchen, um zu Potte zu kommen.
In der Bahn überlege ich, welche 22 Sachen man überhaupt mit Haaren anstellen kann.
Ich komme maximal auf vier.
Aber ich bin ja auch noch aus der Zeit, als man bereits advanced user war, wenn man eine Spülung benutzte.
So müssen sich die 4711-Fläschchen-Trägerinnen gefühlt haben, als ich noch ein Kind war.
Zuhause sprühe ich das Zeug frohgemut auf mein frisch gewaschenes Haupt.
Das Haupt wird glatt.
Der Badezimmerboden auch.
Spiegelglatt.
Das merke ich, als ich beim Versuch, das Bad wieder zu verlassen, unfreiwillig im Spagat lande.
Und ich kann keinen Spagat.
Das hätte auch im Krankenhaus enden können.
So endet es damit, daß ich zehn MInuten lang versuche, mit Scheuermittel die 22 in 1 Glitschsilikonschicht wieder von den Kacheln zu entfernen.
Das nächste Mal sprühe ich mir das Zeug vor der Tür einschlägiger Nachbarn auf den Kopf.
Löst zwei Probleme auf einmal.
So kommt man natürlich doch irgendwann auf 22 in 1.